Dienstag, November 21, 2006

Das "böse" Kopftuch

Immer öfter flackert die so genannte „Kopftuch-Debatte“ im öffentlichen Diskurs auf. Im generellen geht es hierbei darum, religiöse Zeichen und Artefakte aus dem öffentlichen Raum zu „verbannen“, im speziellen geht es darum, die Angst von Xenophoben in Europa ein Wenig abzumildern.

Denn wie ich schon zuvor angemerkt habe, handelt es sich zumindest inoffiziell um eine „Kopftuch-Debatte“ – was gemeinhin mit Musliminen verbunden wird. Nun sei zu aller erst gesagt, dass ich fürwahr kein Freund jeglicher Religionen bin - es klingt lächerlich, aber als ich noch eingeschriebenes Mitglied der katholischen Ewiges-Leben-Versicherungsanstalt war, bin ich beinahe beim Firmunterricht durchgefallen, obwohl es da nicht mal Noten gab. Ja, auch ich war mal in einer religiösen Vereinigung und erfüllte das Klischee "reich, weiß und katholisch"... nun ja, zumindest "weiß und katholisch"... jetzt bin ich nur noch "weiß" und statt "katholisch" eben "4-Dioptrien-kurzsichtig"! Aber weiter im Text...

Egal ob organisiertes Christentum, organisierter Islam, organisierter Hinduismus oder jedwede sonst welche Form der Organisation und Pervertierung von Glauben. Denn ein Blick in die Geschichte, aber auch in die Gegenwart genügt, um ersehen zu können, dass sämtliche Religionen mehr Schlechtes denn Gutes erschufen. Des Weiteren erscheint mir, dass zumindest der Glaube, eine sehr persönliche Angelegenheit sein muss, die jeder für sich selbst klären sollte, anstatt sein Heil in Versprechungen von religiösen Organisationen zu suchen – die all zu oft zur Hierarchienbildung, zu Machtkonstrukten und Werkzeugen gefährlicher Strömungen werden.

Und doch finde ich eine „Verbannung“ von jeglichen religiösen Symbolen aus der Öffentlichkeit als fatal. Wie sollte dies erreicht werden? Durch Verbote? Es hinterlässt einen mehr als schalen Nachgeschmack, wenn eine anscheinend liberale und freie Gesellschaft durch ein Verbot „gerettet“ werden sollte. Denn dies ist oftmals ein Argument der Befürworter eines Verbotes in diesem Bereich: „Es geht darum, unsere Errungenschaften der Freiheit und der Menschenrechte, die Errungenschaften des säkularen Staates, zu wahren!“

Wie dumm! Hierbei wird gar nichts gewahrt, stattdessen wird Zorn und Unverständnis geschürt. Höchstens einige Xenophobisten würden ihre helle Freude haben… solange, bis fairerweise auch der frommen katholischen Religionslehrerin ihr großes Holzkreuz abgenommen wird. Denn dann würden sie wieder schreien vor Wut.

Und wie soll dies weitergeführt werden? Müssen alle Anhänger des Rastafari-Kultes ihre Dreadlocks abschneiden? Denn diese Haarpracht ist ein sichtbares Zeichen ihrer Religionszugehörigkeit. Dürfen die buddhistischen Shaolin-Mönche in Zukunft nur mehr mit Perücken auftreten, da ihre Glatzen ja einen Religiösen Hintergrund haben? Müssen alte Frauen in Österreich, die ja durchwegs keine Musliminen sind, auch ihr Kopftuch abnehmen, welches sie so gerne tragen? Stampfen wir Kirchen und Moscheen ein, da sie ja ein sehr sichtbares Zeichen von Religion sind? Verbieten wir das Kipferl, weil es einem Halbmond nachempfunden ist? Ja, dies alles müsste man machen, wenn man unbedingt meint, man müsste äußere Religionszeichen verbieten. Denn nur den Musliminen das Kopftuch abzunehmen fände ich im Sinne der Fairness gemein und inkonsequent. Wenn die Musliminen ihr Kopftuch lassen müssen, dann müssten auch alle anderen ihre Religionszeichen verstecken – denn die Gleichheit ist eine Errungenschaft, die es verdient, verteidigt zu werden.

Aber man kann sich diesen gesamten Unsinn einfach ersparen. Lasst den Musliminen ihr Kopftuch, den Christen ihr Kreuz und auch allen anderen ihre Religionszeichen. Denn wenn ein säkularer Staat, der die Werte Freiheit und Menschenrechte verteidigt, ein paar Kopftücher usw. nicht aushält, dann ist es mit der Freiheit, der Säkularität und den Menschenrechten ohnehin nicht weit her. Würde es etwas mehr gelebte Toleranz und Wissen von- und übereinander geben, so wäre die gesamte Debatte nicht notwendig – höchstens als 1.-April-Scherz.

gracias por estar ahì


Miguel de Cervantes

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