Freitag, August 25, 2006

Nachgefragt... bei PflegerInnen

Vor einigen Wochen begann sie sich aufzubäumen, die große Pflegedebatte. Ein breites Spektrum für politische Schlammschlachten, nach dem Motto "wer lässt illegal pflegen?", ergab sich daraus. Clevere Versicherungsunternehmen begannen damit, die private Pflegeversicherung zu propagieren. Und die heimischen Medienunternehmen freuten sich, ein Thema gefunden zu haben, dass ihnen helfen würde, das mediale Sommerloch einigermaßen zu stopfen. Schließlich wird im Libanon kein Krieg mehr geführt, die Fussball Weltmeisterschaft ist vorbei und auch Richard Lugner, samt Mausi, verhält sich unnatürlich ruhig in letzter Zeit. Kurz gesagt, die gesamte Pflegedebatte kam genau zur langweiligsten (medialen) Zeit und wurde dadurch auch so freundlich und überschwenglich im öffentlichen Diskurs aufgenommen.

Da ich dem Gebrabbel von Politikern nicht allzu viel Glauben schenke und man keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht hat, machte ich mich auf, um ein Wenig zu recherchieren. Und zwar bei Menschen, deren Beruf es ist, Menschen zu pflegen. Was wohl einen würdigen Beginn der neuen "Nachgefragt..." - Serie auf "Planeta Eskoria" darstellt, die ich gedenke, auch in Zukunft von Zeit zu Zeit fortzuführen.

Den generellen "Pflegenotstand" ansprechend, erntete ich von einem Pfleger nur Gelächter. Ich ließ mich darüber aufklären, dass von jenen Männer und Frauen, die die dreijährige Diplompflegerschule "seines" Krankenhauses heuer abschließen, nicht einmal die Hälfte einen Job "im Haus" erhält, da einfach nicht genug freie Stellen für diplomierte Krankenpfleger zur Verfügung stünden. Somit wird jenen Pflegern nicht viel mehr übrig bleiben, als eine Karenzstelle oder eine Teilzeitstelle anzunehmen. Doch für einen "Pflegenotstand" spricht es nicht unbedingt, wenn ein Krankenhaus bei weitem mehr Pfleger ausbildet, als es danach beschäftigt. Wenn wir davon ausgehen, dass jenes Krankenhaus keinen Einzelfall darstellt, dann kann von einem Mangel an qualifizierten Pflegepersonal im öffentlichen Dienst wohl kaum gesprochen werden.

Des Weiteren gab es in diesem Jahr bei weitem mehr Bewerber für jene Schule, als schließlich und endlich angenommen werden konnten, da die Kapazitäten nicht ausreichen würden, um sämtliche Bewerber tatsächlich auszubilden und auch der Bedarf dazu nicht gegeben ist. Dies könnte ein Indikator dafür sein, dass auch in Zukunft nicht mit einem "Pflegenotstand" zu rechnen ist. Soviel zum öffentlichen Sektor.

Es gibt ja auch noch den leidigen Punkt der "illegalen, ausländischen Pflegerinnen", der für hohe Wellen im öffentlichen Diskurs sorgt. Ich stieß bei meinen Recherchen leider auf keine jener "illegalen, ausländischen Pflegerinnen", deshalb befragte ich zu diesem Punkt wiederum professionelle Pflegekräfte. Aus meinen Fragen ergab sich ein einheitliches Bild.

Die befragten "Professionals" waren einhellig der Meinung, dass jene Debatte, die nun geführt wird, dem Ruf des Pflegeberufes stark schadet. Wenn die Rede von der "Legalisierung" von Pflegekräften ist, die die erforderlichen Standards Österreichs nicht genügen, dann führe dies zu einer Verwässerung des Pflegeberufes insgesamt. Der Pflegeberuf wird, so die Befragten, durch die Debatte stark diskreminiert und in einer Art und Weise dargestellt, der mit den tatsächlich erforderlichen Kenntnissen und Fähigkeiten nichts zu tun hat.

"Es scheint so, als würde man als Pfleger nur Bettpfannen leeren und Leute herumheben. Das für unseren Beruf eine große Erfahrung, die man sich in der Ausbildung aneignet, große theoretische Kenntnisse und auch psychologische und medizinische Fähigkeiten erforderlich sind, hört man kaum! Das Resultat von mangelhafter Pflege sehen wir tagtäglich im Berufsalltag, wenn sich der Zustand von pflegebedürftigen Menschen, durch eine nicht fachgerechte Pflege, derart verschlimmert hat, dass als letzter Ausweg das Krankenhaus bleibt.", um nur einen O-Ton anzubringen.

Auch eine Kritik an der Berufsvertretung der PflegerInnen war bei all meinen Gesprächen nicht zu überhören. "Kein anderer Beruf würde sich so schwach verteidigen, wie es der Pflegeberuf jetzt macht. Man hört zurzeit soviel Unsinn, der nicht durch die Berufsvertretung korrigiert wird. Stell dir vor, was passieren würde, wenn man etwa Teile des Finanzsektors in dieser Art diskutieren würde, wie es jetzt mit dem Pflegeberuf geschieht. Das würde sich dort keiner Gefallen lassen... aber bei uns schweigt die Berufsvertretung einfach, während der Pflegeberuf verfälscht und verwässert wird!", um einen anderen O-Ton anzubringen.

Doch zurück zu den Qualifikationen, die PflegerInnen "mitbringen" müssen. Von den theoretischen Fähigkeiten, die sich ein professioneller Pfleger aneignen muss, konnte ich mich selbst überzeugen, indem ich mir eine Auswahl der Literatur, die Pfleger in der Ausbildung zu lernen haben, überblicksmäßig zu Gemüte führte. Ich war ehrlich erstaunt, auf welch hohem Niveau die angehenden PflegerInnen lernen, denn die zu beherrschende Literatur ist alles andere als leicht verständliches Lernmaterial. Viele Lernmaterialien stehen in ihrer Komplexität jenen Lerninhalten, mit der sich etwa StudentInnen herumschlagen müssen, in nichts nach.

Nun ja, dies waren die ersten Erkenntnisse meiner Recherchen. Meine Eindrücke, die ich gewann, hatten mit der Art und Weise, wie der Pflegeberuf zurzeit dargestellt wird, wirklich nicht viel gemeinsam. Es ergab sich das Bild eines hochqualifizierten und spezialisierten Berufes, der mit der Darstellung als "Hilfsjob" absolut nicht übereinstimmt. Ich gab bewusst keine Namen meiner Quellen an, da sie nicht mit ihrem Namen in diesem Blog stehen wollten. Und ich halte mich daran - also bitte keine Fragen nach Quellen. Es gibt sie und ich gab in diesem Artikel das wieder, was ich als Erkenntnis aus meinen Gespräche mit ihnen gewann.

gracias por estar ahì

Miguel de Cervantes