Freitag, Dezember 15, 2006

Gezielte Tötungen

Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um mich zu entschließen, diesen Artikel zu verfassen. Wieso? Aus dem einfachen Grund, dass er von Israel handelt. Zu schnell wird man bei Kritik an Israel, und sei sie auch noch so berechtigt, ins Eck der Antisemiten gestellt. Aber ich denke, dass die LeserInnen sehr wohl unterscheiden können, ob ich den weltlichen Staat Israel kritisiere, oder ob ich antisemitische Äußerungen tätige.

Es sind zwei Dinge, die mich zur Zeit an der Thematik "Israel" beschäftigen. Die erste Thematik ist ein Richterspruch des obersten Gerichtshofes Israels, der "gezielte Tötungen" als nicht ungesetzlich erklärte. "Gezielte Tötungen"? Dies klingt so verharmlosend, wie das altbekannte "Setze eine Runde aus, gehe nicht über Los und kassiere keine Kohle" beim Brettspiel Monopoly. In Wirklichkeit ist eine "gezielte Tötung" nichts anderes als ein Mord. Und Mord ist nichts harmloses, sondern, neben Vergewaltigung und Kindesmißbrauch, das schlimmste Verbrechen gegen einen Menschen, gegen eine Familie, gegen eine Gesellschaft, und, wenn man so will, gegen Gott.

Und dieses Verbrechen ist gesetzlich gedeckt? Es ist erschaudernd. Ein Grundstein unserer "westlichen" Welt, zu der Israel für mich immer gehörte, ist doch der Rechtsstaat. Ein Rechtsstaat, der jedem ein faires Gerichtsverfahren gestattet (ich weiß, dieses "faire" Gerichtsverfahren ist auch in der restlichen "westlichen" Welt oft nur eine schöne Utopie). Aber gesetzlich gedeckter Mord?

Wer entscheidet wer "gezielt getötet", gezielt ermordet wird? Irgendwelche Militärs oder Geheimdienstler, Söldner? Leute, die sich niemals eine demokratische Legitimierung einholten und sich deshalb auch, dank des Richterspruches, vor nichts und niemandem verantworten müssen. Müßten wir, vor dem Hintergrund legalisierter Morde, nun nicht auch israelische Politiker, die hier nicht eingreifen, genauso ächten, wie wir es bei Politikern wie dem iranischen (rest-persischen) Präsidenten Ahmedinadschad auch machen?

Die zweite Seite der "Medaille" in diesem unwürdigen Spiel betrifft uns selbst. Wir - wir anderen, die den "Westen" darstellen - und nicht eingreifen. Wir - die wir diese Vorgänge zulassen, nur damit wir "unsere Ruhe" vor dem Palästinenserkonflikt haben. Wir - die wir Israel und junge isrealische Soldaten vorschicken, bluten lassen. Wir, die wir junge Palästinenser durch Wahnsinnige verheizen lassen, die, aufgrund der Not, der Enge und es Elends, ihr Heil in der Gewalt suchen (müssen)? Menschen die gegen ihren Nachbarn vorgehen, weil ihnen keine Chance gelassen wurde, um anders zu handeln - das sie niemals ein friedliches Miteinander erleben durften. Weil wir es zuließen. Wir, die wir so mächtig, wir, die wir so viel Geld, wir, die wir soviele Waffen, Spitzfindigkeiten, Hintertüren und Argumente haben... nur damit wir uns mit dem Pulverfass Israel-Palästina nicht beschäftigen müssen?

Unsere Medien - die schweigen. Unsere Politiker - die schweigen. Die UNO - die schweigt. Wir schweigen und lassen zu, statt einzugreifen und konstruktive Lösungen zu den Problemen der Region zu erbringen. Wir - die wir uns immer einmischen, wenn es um unsere "berechtigten" Interessen geht - aber wir - die wir schweigen, wenn es einmal häßlich wird. Wir - die wir jene Menschen in Israel und Palästina, jene Menschen, die sich für Frieden einsetzen, jene Menschen die auf beiden Seiten die Mehrzahl und Opfer sind, alleine lassen. Wenn es um Kapital und Bodenschätze geht, ja, dann sind wir nicht so schweigsam!

Ich sehe bei der Thematik der "gezielten Tötungen", der Morde, eine Reihe von Opfern und Tätern. Die Täter sind jene, die solche Mordpraktiken legitimieren, sie vorantreiben und ausführen. Jene die sie totschweigen und stillschweigend dulden. Jene alten, grauen Krawattenträger in ihren Büros, die über Leben und Tod von Menschen am Schreibtisch entscheiden, in ihrer Arroganz, Menschenverachtung und Selbstherrlichkeit, sind die Täter. Täter in Israel, Europa, Palästina, den USA, der UNO und den arabischen Staaten. Die Täter sind die Medien, die nicht informieren, sondern verfälschen und unter dem Teppich kehren. Jene Täter, die durch die Verbreitung von Angst, Horror und Tod ganze Länder, Völker, Regionen terrorisieren - Terroristen! Spuckt ihnen ins Gesicht!

Doch die Opfer sind mehr. Die Opfer sind Isrealis und Palästinenser gleichermaßen, die mehr und mehr und mehr und mehr in einer Schraube sinnloser Gewalt gefangengehalten werden. Ausnahmenzustand 24 Stunden am Tag - immer und überall. Angst. Das nächste Opfer: Unsere "westlichen Werte", für die wir uns rühmen und für Menschen, die nicht aus "unserem" Kulturkreis stammen, wohl nichts anderes mehr als einen zynischen Mief darstellen müssen. Das nächste Opfer: Der Friedensprozess zwischen Israel und Palästina, dessen tönerne Füße mehr und mehr abgeschlagen werden. Und natürlich jene, die ermordet werden. Denn "die falschen" trifft es immer - denn jeder Mensch der ermordet wird, ist "der Falsche". Egal ob Krieg, Terror oder Unfall. Werden wir sie wieder zynisch "Kollateralschäden" nennen? Oder erfahren wir, aufgrund unserer Medien, die schweigen, nichts davon?

Wenn ein größerer Krieg (und im Libanon gab es Krieg, in Palästina brennt es, in Israel erscheint die Lage nicht besser) verhindert werden soll, dann muss das Schweigen ein Ende haben. Wir müssen jene Israelis und Palästinenser unterstützen, die sich oft unter Einsatz ihres Lebens, für ein friedliches Zusammenleben in der Region einsetzen. Wir können uns nicht zurücklehnen und "denen dort in Nahost" die ganze Arbeit des Friedens überlassen, um uns kurz darauf zu wundern warum "der Frieden" nicht kommt. Der Konflikt ist global - also muss er global gelöst werden. Ein Beginn ist ein Ende des Schweigens! Jeder Israeli der stirbt, stirbt auch wegen unseres Schweigens. Jeder Palästinenser der stirbt, stibt auch wegen unseres Schweigens. Es mag "5 vor 12" sein, aber zu spät ist es sicher noch nicht. Schrei!

Die Grafik "http://portodoceu.terra.com.br/pratica/imagens/inferno-astral-02.jpg" kann nicht angezeigt werden, weil sie Fehler enthält.

gracias por estar ahì

Miguel de Cervantes

Kommentare:

Flow Motion hat gesagt…

Schön dass du dich entschlossen hast diesen Post doch zu schreiben.Noch schöner wäre es wenn mehr Menschen den Mut hätten den Inhalt deines Posts und somit auch ihre Meinung nach aussen zu tragen.Gerade was Politiker angeht sehe ich eigentlich eine "Verpflichtung" dass diese die Regierung des Staates Israel für die Vorgangsweisen kritisieren.Waffenruhen werden gebrochen und unerwünschte Beobachter (UNO Aussenposten) beschossen.
All das wird von unseren Regierungen im "gerechten und zivilisierten"(haha) Westen tolleriert.Wenn wirklich einer mutig ist dann heißt es "Die Regierung xyz kritisiert (oder verurteilt gar) scharf...".Prima.. das hat auch Sinn.

Schade dass es nicht mehr Menschen in verantwortlichen Positionen gibt die sich weniger um ihre PR kümmern als zu handeln wofür es an der Zeit ist.

Miguel de Cervantes hat gesagt…

Nun ja, ob Menschen den Inhalt meines Artikels als "ihre" Meinung äußern sollten, wage ich zu bezweifeln. Da es meine Meinung ist und nichts so kostbar ist, als eine eigene Meinung. Eine Meinung, die man vielleicht nicht in großen Lettern in Zeitungen liest.

Dann ist es mir auch egal, wenn jemand anderer Meinung ist. Solange es eine EIGENE Meinung ist - denn um eine solche zu erlangen, muss man sich mit einer Thematik auseiandersetzen und kommt nicht umhin, sich verschiedentlich zu informieren. Dies kann helfen, Stereotype und Klischees abzubauen.

Du hast vollkommen recht, dass die halbherzigen "Verurteilungen" von Politikern nichts bringen. Im besten Fall wird dadurch neuer Hass geschürt.

Interessant wäre in der Israel-Palästina Thematik eine Art von Friedensjournalismus - dem es ja leider nur sehr selten gibt.

Es wäre wichtig, die Gemeinsamkeiten der Menschen Israels und Palästinas hervorzustreichen. Beide Nationen zeichnen sich durch einen starken Freiheitsdrang und große Opfer und Katastrophen in der Vergangenheit aus. Man denke an den Holocaust, von dem viele Bürger Israels betroffen waren. Man denke an die Unterdrückung der Palästinenser durch andere arabische Machthaber.

Beide Nationen trennt im Grunde nicht allzu viel. Beide ringen nach Anerkennung ihres Staates (denn Israel ist ja im Nahostraum auch alles andere als anerkannt). Beide Nationen ringen ums überleben. Es gäbe sicher noch mehr Gemeinsamkeiten... vielleicht werde ich sie an anderer Stelle einmal beleuchten.

Meine These ist es, dass die Friedensbemühungen bewusst torpediert werden. Von einigen Vertretern Israels genauso wie von einigen Vertretern Palästinas. Aber auch von jenen Kräften, die beide Seiten aufstacheln, sie gewähren lassen und die beiden Nationen zum Spielball ihrer Stellvertreterkriege machen.

Doch, und davon bin ich noch immer überzeugt: Der Großteil der Menschen in Israel und Palästina will nicht morden, will die "andere Seite" nicht als Gegner oder Feind sehen, sondern als Nachbar. Dies sind die Kräfte, die unterstützt werden müssten... dies sind die Stories, die man, auch bei uns, in Zeitungen lesen muss.

Denn Kriegsberichterstattung schürt nur Haß, Angst und Wut - Friedensberichterstattung kann helfen, Gegensätze zu überwinden.

Flow Motion hat gesagt…

Okay... ich habe mich missverständlich ausgedrückt.Natürlich will ich keinem eine Meinung aufdrücken... aber wenn die Menschen die so denken, das auch klar machen.

Miguel de Cervantes hat gesagt…

Hab mir schon gedacht, dass das missverständlich ausgedrückt war. Denn es hätte mich sehr gewundert, wenn du mich zum neuen Meinungschiefrocker erkoren hättest (waren wir eigentlich schon jemals einer Meinung? Ich denke nicht... da war ja sogar mal was mit Artikel-Bashing)

Flow Motion hat gesagt…

ja... es ist selten... aber evtl doch möglich?