
Wie zu erwarten schafften es Nicolas Sarkozy und Segolene Royal in die Stichwahl um das französische Präsidentenamt. Das Beste an diesem ersten Wahltag: der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen ist aus dem Rennen. Damit hat es sich aber auch schon. Denn es kann davon ausgegangen werden, dass sich Nicolas Sarkozy in der Stichwahl durchsetzen wird. Nicolas Sarkozy, selbst Sohn eines ungarischen Migranten, der im Laufe seines Lebens nationalistischer wurde, als der Großteil der "nativen" Bevölkerung Frankreichs. Der Migrantensohn, der eine Null-Toleranz gegen Migration auf seine Fahnen geheftet hat. Der Migrantensohn, der seine Herkunft hinter sich gelassen hat um den Migranten mit Arroganz und Unverständnis zu begegnen.
Besonders populär wurde dieser als Innenminister zu Zeiten der Aufstände von Jugendlichen in den Vorstädten Frankreichs. Sarkozy scheute nicht davor zurück, den "harten Mann" zu markieren und den Konflikt durch Beschimpfungen und populistische Maßnahmen anzukurbeln. Dies brachte ihm auch Sympathien vom ganz rechten Spektrum der französischen Bevölkerung.
Der Schreiberling kam, am Ende eines Interrailtrips, nicht umhin, diese Vorstädte in Paris zu besuchen. Dies war ein gutes Monat vor Beginn der Krawalle. Und schon damals fragte ich mich, wie es die Menschen dort nur aushalten könnten. Denn ein schöner Platz zu leben sind diese "Vorstädte" absolut nicht. Grau um grau das Bild. Angereichert durch Chancen- und Hoffnungslosigkeit der beste Nährboden für Konflikte. Statt das Problem an der Wurzel zu packen, soziale Mißstände zu beseitigen, wurden die Aufständischen jedoch wie Ratten behandelt. Der beste Weg, wenn man keinen Ausweg aus der Sackgasse finden will.
Doch lassen wir einmal jemandem zu Wort kommen, der in einer dieser Pariser Vorstädte aufwuchs. Ein früherer Arbeitskollege, Franzose mit algerischen Eltern und nunmehr erfolgreicher (Klein)-Unternehmer in Österrreich: "Dort zu leben war nicht nur schlecht. Es gab auch schöne Tage im "banlieue". Aber es war nicht leicht. Die Schulen waren nicht gut. An ein Studium konnten nur die wenigsten denken. Das schafften nur jene, die entweder wahnsinnig intelligent waren oder ein riesen Glück hatten. Franzosen waren wir Einwanderer nur in unseren "banlieues". Waren wir aus der Stadt, so verriet uns unsere Hautfarbe als Araber, als Schwarz-Afrikaner, als Asiaten oder wie auch immer. Obwohl wir eigentlich stolze Franzosen waren. Ich ging mit 18 Jahren fort, da ich nicht das Leben meiner Eltern fortführen wollte. In die Fabrik arbeiten gehen und die Familie dann doch nur durch Überstunden und Nebenjobs durchzubringen wie mein Vater... das wollte ich nicht. Hier war keine Zukunft. Die meisten, mit denen ich aufwuchs, leben noch immer dort. Auch ihre Kinder werden wenig Zukunft vorfinden, so wie ich sie dort einst nicht fand. Also ging ich zuerst nach Spanien, dann nach Portugal und irgendwann landete ich in Österreich. Hier bin ich noch immer ein Ausländer. Ein Berber von der Abstammung, ein Araber aus Algerien oder ein Franzose aus den Pariser Vorstädten. Wie man es dreht und wendet: Ich werde wohl, in den Augen vieler, immer ein Ausländer sein. Wäre es nicht viel leichter, einfach Mensch zu sein?"
Aber auch in Österreich haben Migrantenkinder de facto nicht die selben Chancen wie "österreichische" Kinder. Und wie in Frankreich wird auch bei uns gegen Migranten gehetzt. Zum Einen von blau-orange-brauner, politischer, Seite, zum Anderen vom österreichischen Hetzblatt, der "Kronen Zeitung". Da erfährt das Wort Migrant gleich mal das Attribut "kriminell", und Asylwerber werden pauschal als "Wirtschaftsflüchtlinge" und "Drogendealer" beschimpft. Ist dies eines demokratischen und aufgeklärten Staates würdig? Nein! Ist dies eines aufgeklärten Mediensystems würdig? Nein! Führt dies zu Spannungen und Problemen, die nicht nötig sein müssten? Ja! Werden die Hetzer, die für Feindseligkeit sorgen, für ihr schändliches Spiel mit der Angst zu Verantwortung gezogen? Nein!
In Österreich ist es, zum Glück, noch nicht "5 vor 12". Doch wenn das offizielle Österreich und ihre politischen Vertreter nicht bald beginnen, den MigrantInnen jenen Respekt zu erbringen, den sie sich ehrlich verdienen, dann wird es auch eines Tages bei uns zu Aufständen kommen. MigrantInnen sind keine "ratas de ciudad", sie sind Menschen, die es verdienen ernst genommen zu werden. Menschen, die genauso viel wert sind, wie es die "österreichische" Bevölkerung ist. Menschen, die nicht zum Spass in dieses Land kamen, sondern für sich und ihre Familie ein besseres Leben suchten und dabei auch helfen, dieses Land wirtschaftlich und kulturell fit zu halten. Statt sie wie Menschen zweiter Klasse zu behandeln sollten wir die MigrantInnen begrüßen und ihnen jenen Platz in dieser Gesellschaft zugestehen, den sie sich verdienen. Nämlich als vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft, die schon längst multi-ethnisch und heterogen ist und nicht als Ausgestoßene, Verachtete oder Randgruppen. Alles andere wäre unmenschlich, grober Unfug und Wahnsinn.
gracias por estar ahì
Michael Moser