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Dienstag, März 06, 2007

Das Statussymbol und der Rucksack

Früher galten ein tolles Auto und eine schick eingerichtete Wohnung bereits als Statussymbol. Heute fahren wir Autos, weil es kaum mehr anders ginge. Und mit dem neuesten Schrankmodul "Björn" oder "Inga" von IKEA entlockt man niemandem Bewunderung. Doch da man sich Statussymbolen nicht entziehen kann und will, müssen eben neue Formen her.

Und gefunden wurden sie in Fernreisen. Was früher einer überschaubaren Anzahl von wagemutigen Weltenbummlern vorbehalten war, ist heutzutage gängiger Usus in der Altersgruppe 20+. Wer etwas auf sich hält, der bereist fremde Kontinente. Aber natürlich nicht mit den spießigen Koffern der Elterngeneration, sondern mit trendigen, multifunktionalen Rucksäcken. Backpacker eben. "Der Rucksack ist es!", sprach er, und machte sich auf gen Norden, Süden, Osten oder Westen.

Spätestems seit dem Film "The Beach" ist Thailand das vorrangigste Ziel, zur Erlangung von Status. Aber auch andere Länder erfreuen sich größter Beliebtheit. Wer jettet nicht gerne mal schnell nach Asien, macht ein Wenig Party in Australien, um sich kurz darauf am "Ground Zero" wieder zu finden?

Natürlich spricht hierbei niemand von Status. Die Individualität, die Kulturbegegnung wird betont. Doch bei genauerer Betrachtung erscheint dies als ausgelustschtes Quasi-Argument. Denn wirkliche Kulturbegegnungen sind eben nicht möglich, wenn man von internationalem Hostel zu internationalem Hostel reist. Man muss nichts mehr riskieren bei Backpackertouren, man findet das Gewohnte in exotischer Landschaft. Sollte dem Reisenden der Kulturschock dennoch kurzzeitigl übermannen, so genügt ein Besuch bei McDonalds oder einer jener global allgegenwärtigen "Irish Pubs", um dem entschärften Fremden zu entfliehen.

Die neue Form der Fernreisen, mitsamt den Billig-Angeboten, ist demzufolge nur eine modifizierte Form des sicheren, des geschützten Reisens. Man stapft in Spuren, die schon längst von der Tourismuswirtschaft erschlossen wurden. Wege und Pfade, die auf den westlichen Geschmack von Komfort ausgelegt sind. "Echte" Kulturerfahrungen sind kaum möglich. Aber wem stört es, wenn man zumindest durch Fotos (von den ewig gleichen Motiven) seine Anwesenheit in fernen Ländern bezeugen kann? Status ist Status und auch ein Porsche ist im Grunde nichts anderes als ein Auto.

Und der Schreiberling, dessen Sehnsucht nach wirklichen Abenteuern sich weit über seine Leidenschaft für le Parkour erstreckt? Der wird, in gewohnter Manier, diesem Trend trotzen und das echte Risiko, die echte Herausforderung suchen. Er wird die Arktis mit dem Fahrrad bereisen, in Iglus schlafen und sich von Fischen und Sportmüsliriegeln ernähren. Und wer weiß, vielleicht bringt er den Inuit auch ein Wenig Schnaps mit? Morgen vielleicht...

gracias por estar ahì

Miguel de Cervantes

Donnerstag, Dezember 14, 2006

Fernweh

Über ein Jahr ist es mittlerweile her, dass ich den riesigen Rucksack den letzten Kilometer bis zu meiner Wohnung schleppte und von der letzten Reise heimkehrte. Und wenn ich nun, um diese Uhrzeit, noch immer am PC sitze und Recherche für eine wissenschaftliche Arbeit betreibe, fällt es nicht schwer, sich in Träumereien zu verlieren.

Es wird Zeit, wieder von hier fort zu kommen. Nicht gleich - dafür sind zuviele Dinge zu erledigen, vor allem der Uni-Abschluss, und auch die Reisekasse muss aufgestockt werden. Aber wenn dies geschehen ist, dann hält mich hier nichts mehr.

Österreich? Wie sehr ich dich oft hasse, nur um am Ende einer Reise festzustellen, wie sehr ich dich eigentlich mag. Doch, Österreich, um mit dir wieder gut auszukommen, muss ich zuvor wieder auf Distanz zu dir gehen. Bei guten Beziehungen ist es ja nicht allzu unterschiedlich.

Wieder einmal auf Reisen gehen. Das Gefühl genießen, wenn sich der riesige Rucksack einen Tag vor der Abreise wieder füllt. Die Aufregung vor der Abfahrt. Egal ob mit Auto, Zug oder Flugzeug (auch wenn ich an Flugangst leide; doch Angst darf nie das Leben bestimmen - und hey, auch Angst ist nur ein Gefühl). Dann der erste Blick auf den Ozean, auf eine riesige Stadt...

Parkouren in Städten, dessen Straßennamen ich nicht einmal richtig aussprechen kann. Wagemutige Sturmangriffe auf die Fluten der Meere. Spazieren in Vierteln, die garantiert nicht zur Sight-Seeing Tour gehören - im abgetragenen Jogging-Anzug und nur mit etwas Kleingeld bei sich - schließlich habe ich schon meine Erfahrungen mit der Thematik des ausgeraubt-werdens gemacht (auch wenn diese Erfahrung für den wannabe-Dieb wohl etwas traumatischer als für mich war).

Konzerte in verrauchten Schuppen. Essen an Straßenecken. Meinen Charme an Frauen anderer Kulturen einmal wieder testen - an manchen Tagen sind die Nächte heißer. In der Nacht am Strand sitzen - um mich herum das Meer und die Sterne. Rioja und Bier trinken - verkatert am nächsten Tag erwachen.

Mich mit Händen und Füßen unterhalten und dabei merken, dass nicht immer eine gemeinsame Sprache nötig ist, um sich zu verstehen. Endlich wieder Unsicherheit verspüren - die vollkommene Sicherheit und das Sicherheitsdenken der gewohnten Umgebung hinter sich lassen. Kein Bashing, keine Competition sondern einfach Eindrücke aufnehmen - Bildung, die durch kein Buch vermittelt werden kann. Fernweh.


gracias por estar ahì

Miguel de Cervantes